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Nachlese WPD 2019: Urologische Beschwerden bei Morbus Parkinson

Nachlese WPD 2019: Urologische Beschwerden bei Morbus Parkinson

Häufiger Harndrang, wiederholte Harnwegsinfekte und ungewollter, plötzlicher Harnverlust sind einige der Beschwerden, die oft mit Scham behaftet sogar dem vertrauten Arzt vorenthalten werden. Dabei steigt die Häufigkeit mit zunehmender Lebensreife. Noch mehr sind hiervon Menschen betroffen, die an der Schüttellähmung oder auch Parkinsonerkrankung leiden. Je nach Studie, Erkrankungsstadium und befragter Population berichten zwischen 27% und 85% der Patienten solche Beschwerden, zu meist schon in einem frühen Stadium des Mb Parkinson.

Gleichwohl urologische Symptome zu den bekannten nichtmotorischen Symptomen der Parkinsonerkrankung zählen, gehen diese oft im Rahmen ambulanter Kontrollen in der langen Liste an Leiden, die in der meist kurzen Zeit zu erfassen sind, unter. Dabei können hieraus neben einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität und Mobilität auch noch schwerwiegendere Erkrankungen mit weitreichenden Folgen wie einer Urosepsis entstehen.
Des Weiteren können einige dieser urologischen „Probleme“ auch Hinweise für andere Grunderkrankungen, wie einer Prostatavergrößerung oder einem atypischen Parkinsonsyndrom liefern. Hieraus würden sich wiederum andere Therapieoptionen und Konsequenzen ergeben. Auch können verschiedenste Medikamente bzw. Therapien die Funktion der Harnwege beeinflussen. Hier könnte ein klärendes Gespräch mit einer ausführlichen Anamnese und klinischen Untersuchung schon zu einer Besserung führen.

Nun werden Beschwerden der unteren Harnwege grob in zwei Kategorien eingeteilt: Zum einen gibt es Störungen der Blasenfüllung. Hierunter findet man den häufig imperativen Harndrang, die „überaktive“ Blase, die Nykturie – auch nächtlichen Harndrang genannt – und verschiedenste Formen der Inkontinenz – des ungewollten Harnverlustes, sei es durch den vermehrten, plötzlichen Harndrang oder auch im Rahmen von Stresssituationen. Dieser Gruppe stehen Blasenentleerungsstörungen wie ein verzögerter Beginn, ein schwacher Harnstrahl oder auch (vermehrte) Restharnmengen gegenüber. Diese Differenzierung ist ein erster Schritt auf dem diagnostischen Weg und kann mittels eines Blasentagebuches dargestellt werden. Hierfür werden zeitlich Trink-, Harnmenge, Harndrang, Inkontinenz und andere Symptome über mehrere Tage schriftlich festgehalten. Das kundige Fachpersonal bzw. der/die erfahrene HausärztIn können demnach weitere Schritte mit dem Patienten besprechen, abklären und mit einer Therapie beginnen.

So kann zum Beispiel ein Patient berichten, er/sie würde meist plötzlich einen starken Harndrang verspüren, jedoch nicht mehr rechtzeitig den Weg auf die Toilette absolvieren, sodass es zu einem Harnverlust kommt. Im Rahmen einer Parkinsonerkrankung kann dies neben einer neurodegenerativen Blasenerkrankung auch ein wichtiger Hinweis für eine unzureichende dopaminerge Therapie sein. In diesem Fall könnte eine simple Steigerung der letzteren eine einfache Lösung des Problems darstellen.

Im Rahmen der Harndiagnostik sollten auch ein Harnstatus mit Harnstreifen – unter anderem zum Ausschluss von Harnwegsinfekten oder bösartiger Erkrankungen – und wenn notwendig auch eine Bildgebung mittels Ultraschall, Computertomographie/MRT oder auch einer Zystoskopie gemacht werden. Bei Männern sollte das Prostata-Spezifische Antigen (auch PSA) zum Ausschluss einer Prostatahyperplasie bzw. -tumors gemacht werden. Eine urodynamische Untersuchung stellt im Rahmen der Durchuntersuchung eine gängige Methode dar, um eine genaue Aussage über den Blaseninnendruck, das Zusammenarbeiten der Blasen- und der dezogehörigen Schließmuskulatur und den Harnfluss treffen zu können. Diese wird üblicherweise nur durch urologisch geschultes Personal durchgeführt und sollte spätestens bei „hartnäckigen“ Beschwerden angedacht werden.

Da das Zusammenspiel zwischen Gehirn, Rückenmark, Blase und Schließmuskeln einen sehr komplexen Regelkreislauf darstellt, gibt es einige therapeutische Ansätze, die wohlüberlegt versucht werden sollten. Hierzu gibt es jedoch zwar einige Studien, jedoch wird zumeist nicht speziell auf die Besonderheiten der Parkinsonerkrankung, wie Stadium der Erkrankung, Art und Dosierung der dopaminergen Therapie oder auch das Bestehen anderer (nicht)motorischer Symptome, eingegangen.

Einfach aber zu meist effizient können einfache Verhaltensänderungen, wie eine Flüssigkeitskarenz nach 16h oder das Meiden von harntreibenden Lebensmitteln – wobei diese sehr individuell sein können – sein. Als nächsten Schritt können ein Beckenbodenmuskeltraining teilweise auch mit Unterstützung verhaltenstherapeutischer Methoden wie Biofeedback den Leidensdruck einer Inkontinenz deutlich mildern. Diese Therapien brauchen jedoch etwas Gedult und Übung, da hier ein Trainingseffekt erst mit regelmäßiger Übung zu erwarten ist. Dafür sind die negativen Nebenwirkungen nicht nennenswert.
Mechanische Hilfsmittel wie Einlagen, eine Harnflasche für die Nacht, regelmäßiger Selbstkatheterismus bei Harnverhalt oder auch die Anlage eines Dauerkatheters sollten auch, je nach Schwere und Ursache der Symptome in Betracht gezogen werden.

Pharmakologisch kann der komplexe Regelkreislauf auf verschiedenen Ebenen beeinflusst werden, bedarf aber aufgrund der möglichen Nebenwirkungen einer medizinisch-fachlichen Expertise. So können dopaminerge Therapeutika zwar in den ersten Wochen bis Monaten Beschwerden wie einen imperativen Harndrang verschlechtern, jedoch konnte im weiteren Verlauf in Studien bei vielen Patienten eine milde Besserung nachgewiesen werden. Sogenannte „Antimuscarinergika“ unterdrücken die parasympatische Stimulation der Blase und führen zu einer deutlichen Minderung des Harndranges, der Harnfrequenz und teilweise auch der Dranginkontinenz. Jedoch können hier auch Mundtrockenheit, Verstopfung und selten auch eine Verschlechterung mit neuropsychiatrischen Symptomen als Nebenwirkungen auftreten. Ursprünglich vorrangig bei Prostatahyperplasie verordnete alpha-Rezeptorblocker wie Tamsulosin sollen mit ihrer Wirkung auf die glatte Muskulatur der Blasenschließmuskeln den Widerstand beim Harnlassen verbessern. Diese können jedoch zu einem Blutdruckabfall führen.

Etwas invasivere Verfahren wie die regelmäßige Injektion von Botulinumtoxin in die Blasenmuskulatur, verschiedenste implantierbare Elektrostimulatoren bis hin zur tiefen Hirnstimulation können bei schwerwiegenderen Beschwerden nach einer ausführlichen fachlich-medizinischen Abklärung in Betracht kommen.

Noch etwas heickler stellt sich die Situation bei den Sexualstörungen dar, von denen die erektile Dysfunktion eine der häufisten ist. Hier kommen sich Scham und das komplexe Zusammenspiel vieler Einflussfaktoren in die Quere, sodass dieses Thema nur selten in der Ordination gar angesprochen wird. Die Sexualanamnese kann jedoch in einigen Fällen schon frühzeitig Hinweise für andere Erkrankungen wie einer Multisystematrophie liefern. Therapeutisch empfiehlt sich hierbei zumeist eine urologische bzw gynäkologische Fachberatung aufzusuchen.

Gleichwohl die Studienlage bei vielen der therapeutischen Möglichkeiten eher mager ist, gibt es eine reichliche Auswahl, deren Stärke vom frühen Erkennen und Beginn mit einer ausführlichen Abklärung abhängt. Daher ist es wichtig auf Änderungen der Defäkationsgewohnheiten zu achten, diese ohne falsche Scham seiner/seinem Ärztin/Arzt des Vertrauens mitzuteilen – am besten gleich mit einem Blasentagebuch über drei Tage -, um gemeinsam eine adäquate und suffiziente Lösung zu finden. Beschwerden wie Blut im Harn, häufige Harnwegsinfekte oder Zeichen einer Prostatavergrößerung – gehören zeitnahe in urologische Fachhände.


Dieser Artikel wurde endgeltlos von dem Autor dieses Beitrags verfasst und in der Ausgabe 32, Mai/Juni 2019 der Parkinson Selbsthilfe Wien veröffentlicht.